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Wenn du ein Stillleben fotografierst, erschaffst du ein Composing, anstatt nur einen Moment festzuhalten. Du konstruierst dein Foto vom Hintergrund über das Motiv bis hin zur Beleuchtung. Da es sich um leblose Motive handelt, kann man sich Zeit nehmen, die Beleuchtung zu verbessern und mit der Komposition zu experimentieren.

Die Stilllebenfotografie ist eine sehr angenehme Art zu fotografieren, und man braucht keine ausgefallene Ausrüstung. Sie ist auch eine gute Möglichkeit, etwas über Beleuchtung und Komposition zu lernen, die Hauptelemente eines jeden fotografischen Ausdrucks.

Hier sind einige Tipps für den Einstieg in die Stilllebenfotografie, die du natürlich auch in der Produktfotografie oder der Foodfotografie nutzen kannst.

 

Eine faszinierende Art der Fotografie: Das Stillleben

Das Thema und der Inhalt des Fotos spielen keine Rolle.
Der Begriff “Stilllebenfotografie” bezeichnet zwar im Allgemeinen die Abbildung der traditionellen Gemälde einer Blumenvase und einiger sorgfältig arrangierter Gegenstände. Aber im Grunde genommen ist jedes Motiv ein Stillleben, solange es eben “stillsteht”.

Du könntest einige Gegenstände gruppieren, nur weil du sie magst oder weil sie gut aussehen. Oder du kannst Utensilien miteinander arrangieren, um eine Geschichte zu erzählen (Storytelling).

Oder du findest bereits existierende Stillleben-Arrangements alter Künstler, deren Geschichte oder Stimmung bereits für dich aufbereitet ist.

Du kannst Gegenstände verwenden, die einfach nur optisch ansprechend sind, oder du kannst sie persönlich gestalten. Wenn du dich auf ein Stillleben-Motiv vorbereitest, schlage ich vor, dass du einige Dinge findest, die für dich von Bedeutung sind.

Gib dem Foto einen Sinn.

Stillleben---BücherVorteil: Nachher hast du ein Foto von dieser für dich bedeutsamen Sache. Wie z. B. in dem Bild oben – eine persönliche Bedeutung könnten die meisten Gegenstände in sich tragen.

 

Dunkle Hintergründe

Des Meisters ruhigste Linie ist meisterhaft durch die Unruhe, die sie verbergend verrät. Das gute Kunstwerk stellt nicht etwa Gegensätze nebeneinander, sondern es läßt uns das Gegensätzliche in einem unsichtbaren Hintergrunde ahnen. In dem Leichten ist das Schwere mitgegenwärtig. Das Wesen des Kitsches ist dagegen, daß in ihm das Süße nur süß ist.
Ludwig Reiners
deutscher Schriftsteller (1896 – 1957)

 

Ein guter Hintergrund ist genauso wichtig, wie das Motiv.

Stoff, Pappe oder Papier oder eine bestehende Wand sind leicht zu finden. Für das Bild der Pflaumen in einem Korb wurde als Hintergrund eine alte, rissige Wand verwendet. Stelle einfach sicher, dass das, was du benutzt, nicht zu sehr von deinem Motiv ablenkt.

Halte es einfach.

Wenn du Stoff benutzt, musst du ihn zunächst bügeln! Nur wenige Dinge lenken mehr ab als eine zerknitterte Hintergrundkulisse.

Eine helle Farbe oder ein lebhafter Hintergrund kann zu viel Aufmerksamkeit von deinem Motiv ablenken. Einfache, neutral getönte Kulissen sind ein guter Einstieg, um von dort aus zu probieren. Du wirst überrascht sein, welche Kulisse dein Bild am Ende wirklich zum Leuchten bringt.

In dem Bild mit den Früchten ist der Hintergrund einerseits zu unruhig, andererseits hat er eine ähnliche Tönung wie das Hauptmotiv.

Stillleben---Früchte2

 

Stillleben-Fotografie – Einstellungen

Du kannst auch mit Fokus und Schärfentiefe experimentieren. Entweder ist das ganze Bild komplett scharf oder bestimmte Elemente, wie z.B. der Hintergrund, verschwinden in der Unschärfe.
Das ist der künstlerische Aspekt: Mit Blende und Belichtungszeit spielen, bis der Hintergrund in der Unschärfe verschwindet und das Motiv in den Vordergrund rückt.
Darüber hinaus könnte ein verschwommener Hintergrund dir helfen, wenn du kein Bügeleisen zur Hand hast, um die Falten aus dem Tuch heraus zu bügeln.

 

Nichts Besonderes: Die Beleuchtung

Man braucht nichts Besonderes, um ein Stillleben zu beleuchten.

Natürliches Licht vom Fenster aus genügt durchaus. Eine Lampe, ein Lichtgemälde mit einer Taschenlampe (bei langer Belichtungszeit) oder eine behelfsmäßige Softbox machen viel Spaß beim Experimentieren.

Die Stilllebenfotografie eignet sich gut für längere Belichtungszeiten, so dass du eine wirklich subtile Lichtquelle wie z. B. eine einzelne Kerze als Lichtquelle verwenden kannst.

Allerdings brauchst du wegen der langen Belichtungszeiten ein Stativ. Damit kannst du abblenden, ohne auf eine Belichtungszeit, die noch verwackelungsfreie Fotos garantiert, achten zu müssen (~ 1/60 sek).

Oder du stellst deine Kamera auf eine stabile Box oder einen Stapel Bücher. Das würde ich allerdings wegen der „Sturzgefahr“ nicht unbedingt empfehlen.

Du kannst dein Stillleben buchstäblich mit Licht malen: Alles, was du brauchst, ist eine kleine Taschenlampe.

Und: Dein Thema ist “Stillleben”. Du kannst dir also ausreichend Zeit nehmen und mit der Beleuchtung spielen.

Probiere verschiedene Lichtintensitäten aus. Wenn du das Licht des Fensters nutzt, kannst du die Stärke des Lichts mit einem Vorhang oder einer Decke manipulieren. Wenn du z. B. eine Taschenlampe benutzt, verändere den Abstand zum Motiv.

Du kannst auch verschiedene Lichtquellen kombinieren, wie z.B. eine kleine Taschenlampe, um dunkle Schatten auszufüllen, wenn du natürliches Licht benutzt, oder vielleicht eine Lampe und eine Kerze. Man beachte nur die unterschiedlichen Lichtfarben, die jede einzelne Lichtquelle erzeugen kann.

 

Und die Ausrichtung?

Wie du deine Beleuchtung ausrichtest, ist wichtig.
Experimentiere mit verschiedenen Positionen für deine Lichtquelle. Wenn du natürliches Licht verwendest, musst du natürlich dein Motiv bewegen, um den Belichtungswinkel zu ändern.

Bei einer beweglichen Quelle beginne mit einer seitlichen Beleuchtung und probiere dann ein paar verschiedene Winkel aus. Achte darauf, wie die Schatten fallen und was mit reflektierenden Oberflächen geschieht.
Wahrscheinlich willst du dein Stillleben nicht unbedingt in ein Selbstporträt verwandeln, in dem du dich selbst und deine Kamera in der Reflektion entdeckst.

 

Nicht immer klassisch: Die Komposition

Gute Kompositionsfertigkeiten beeinhalten weit mehr als das Fotografieren eines Stillleben und sind ebenso wichtig wie eine gute Beleuchtung. Dinge wie den Goldenen Schnitt oder die Drittel-Regel zu verstehen, kann sehr hilfreich sein, auch wenn man sie dann ignoriert.

Man sollte allerdings die Regeln erst einmal beherrschen, bevor man sie bricht.

Bei der Stilllebenfotografie findest du, wenn du dein Arrangement hin und wieder veränderst eines, was funktioniert.

Setz dich nicht einfach auf das erste, die du aufgestellt hast.

Oberstes Prinzip: Keep it simple – halte es einfach. Wenn man ein Motiv in einen bestimmten Betrachtungswinkel setzt, führt er das Auge in die gewünschte Richtung, oder führt er das Auge nirgendwo hin?
Führt er den Blick aus dem Rahmen heraus oder subtil zu einem anderen Teil des Arrangements?

Eine kleine Veränderung des Winkels bzw. der Platzierung deines Motivs kann den Unterschied ausmachen.

Versuche, aus verschiedenen Blickwinkeln zu fotografieren, auch wenn du direkt von vorne fotografieren musst. Versuche deine Kamera für ein paar Aufnahmen zu anzuheben oder zu abzusenken, dann zoome ein wenig hinein oder heraus.

Beobachte genau, was mit dem Bild passiert. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.

Wenn du es nicht probierst, wirst du es nicht wissen.

 

Fix it in Post – Die Nachbearbeitung

Gute Arrangements bereiten jede Menge Spaß beim Nachbearbeiten.
Verschiedene Prozesse können dein Stillleben komplett verändern.
HDR z. B. ist ein beliebtes Verfahren für die Stilllebenfotografie und kann sehr effektiv sein. Oder du könntest mit Ebenenmasken mit ein paar verschiedenen Belichtungen spielen und bestimmte Bereiche deines Bildes manipulieren. Ich füge gerne Texturen hinzu, um dem Bild ein malerisches Aussehen zu verleihen.

 

Experimentieren und genießen

Bei dem einen oder anderen Fotoshooting kommt schon mal Hektik auf. Das ist bei der Still Life Fotografie anders. Im Gegensatz zu den meisten anderen Formen der Fotografie kannst du bei der Still Life Fotografie wirklich in Ruhe arbeiten, dir Zeit nehmen und die Entwicklung deines Bildes genießen.

Du musst dich nicht auf das traditionelle Stillleben beschränken, du kannst mit dem Thema sowie mit der Beleuchtung und der Bearbeitung experimentieren.

Tauche ein in das Meer deiner fotografischen Ideen.

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